Lebensmittel Praxis: Wer kauft wen in der deutschen Lebensmittelwirtschaft?

Eine Übernahmewelle in der Lebensmittelwirtschaft begeistert selbst Fußballweltmeister für Investitionen in die Branche. Phillip Lahm gehört mit seiner Mehrheitsbeteiligung am Naturkosthersteller Schneekoppe zur Gruppe branchenfremder Investoren, die zunehmend auf die Zukunft des Sektors setzen. Aber auch Konzerne wie Dr. Oetker, Bonduelle und Nestlé zeigen sich in bester Kauflaune.

Das Bonner Beratungsunternehmen AFC wertete die letzten 100 veröffentlichten Übernahmen aus, die einen Branchenbezug haben und an denen Unternehmen mit Aktivitäten in der deutschen Lebensmittelwirtschaft beteiligt waren. Diese 100 Fälle umfassen zeitlich etwas mehr als zwei Jahre

Dabei zeigte sich, dass in den vergangenen zwei Jahren mit 21% gemessen an allen Käufern und 20% gemessen an den übernommenen Unternehmen, der größte Anteil auf die Getränkeindustrie entfiel. Diese Entwicklung erscheint überraschend. Die Branche ist mit einem Umsatzanteil von knapp zwölf Prozent an der gesamten Lebensmittelindustrie insofern überproportional an den Übernahmen beteiligt ist. Es handelt sich um einen innovationsstarken Sektor, in dem die Produkte von Kaffee-Innovationen über Smoothies bis hin zu Craft-Bier reichen.

Anders im Bereich Fleisch- und Wurstwaren: Hier rollt eine große Konsolidierungs- und Marktbereinigungs-Welle durch die Branche. Es heißt wachsen oder weichen. Die meisten Übernahmen erfolgen daher durch Unternehmen der gleichen Branche. Aktivstes Unternehmen war die Tönnies-Gruppe. Ähnlich, aber etwas weniger dramatisch verläuft die Entwicklung im Bereich der Backwaren.

Auffällig sind auch die Aktivitäten im Bereich Großhandel und Logistik. Hier wechselten vor allem Getränkefachgroßhändler und Obst- und Gemüsegroßhändler die Besitzer. Zu den wichtigsten Verkäufern gehörte Warsteiner, zu den eifrigsten Käufern gehörte der Gemüsering. Beide hatten mehrfach mittelständische Partner als Marktpartner. Auch der Verkauf der Deutschen See fällt in dieses Segment.

Im Bereich der großen Generalisten aus den Mehrspartenunternehmen fallen besonders die Übernahmen der Dr. Oetker Gruppe ins Gewicht. Das Bielefelder Traditionsunternehmen trennte sich 2017 von der Reederei Hamburg Süd und befindet sich seitdem auf Expansionskurs. So übernahm Dr. Oetker in den USA die Backwarenmarke Wilton und in Frankreich die Konditorei Château Gâteaux. Mit der Beteiligung an der InterNestor GmbH sicherte sich das Unternehmen außerdem das Geschäft mit individualisierbaren Torten auf dem europäischen Markt. Zusätzlich wagte Oetker sich mit der Übernahme von Tag El Melouk auf den ägyptischen Backwarenmarkt.

Auch die europäische Molkereibranche setzt auf eine Erweiterung der Marktanteile im Ausland. Die Konsolidierung in den europäischen Heimatmärkten ist weit fortgeschritten. Die verbleibenden Unternehmen richten ihr Interesse auf Wachstumsmärkte im außereuropäischen Ausland. Friesland Campina erschloss sich durch die Übernahme der Molkerei Huishan Dairy mit China einen neuen Absatzmarkt. Die Zott SE übernahm in Vietnam den Importeur und Distributor Delys und sicherte sich damit die Marktführerschaft im Dessert Bereich oder im Bereich „Desserts“. Danone sicherte sich bereits 2017 mit der milliardenschweren Übernahme von Whitewave (USA) Produktionsmöglichkeiten von Milchersatzprodukten auf Pflanzenbasis. Auf dem deutschen Markt ist das Unternehmen mit den Marken Alpro und Provamel präsent.

Fazit: Konsolidierung, Internationalisierung sowie die Suche nach innovationsstarken Betrieben sind Treiber von Übernahmen in der Lebensmittelbranche, die auch für branchenfremde Finanzinvestoren interessant geworden ist.

In: Lebensmittel Praxis 11/2019 vom  09.07.2019, S. 76 f.

AFC Chilli