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DLG-Mitteilungen: "Zwischen nachhaltig und billig"

Interview
mit Otto Strecker, Vorstand der AFC Consulting Group, Bonn

Sie haben den Verbraucher einmal als eine „gespaltene Persönlichkeit“ bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?
„Der Verbraucher“ - wenn es denn nur den einen gäbe - predigt Wasser und trinkt Wein: Er bekundet in jeder Befragung sein Interesse an Nachhaltigkeit und er liebt zugleich das Preiseinstiegssegment – allerdings nicht nur. 

Das heißt, es ändert sich etwas und Qualität und Zusatznutzen (Bio, Regional, Tierwohl etc.) bekommen mehr Gewicht?
Natürlich stimmt es in bestimmten Bereich mehr als in anderen. Bei einem Bioschweinefleischanteil von deutlich unter 1% im Lebensmitteleinzelhandel ist mutmaßlich noch Luft nach oben. Aber es ist unbestreitbar, dass viele Verbraucher einen starken Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit in der Erzeugung von Lebensmitteln haben und starke Vorbehalte gegenüber derzeitigen Ausprägungen der Landwirtschaft im Allgemeinen und insbesondere der Tierhaltung. Das Verhältnis zu Tieren ist dabei ebenfalls von einer widersprüchlich anmutenden Haltung der Verbraucher bestimmt: Welche Tiere streicheln wir, welche essen wir? Welche ethischen Motive bestimmen unser Verhältnis zu Tieren und zur Tierhaltung? Offen ist, wie viel mehr wert nachhaltige Produkte den Kunden sind.

Was sind die größten Bedenken der Verbraucher und was sind die Folgen?
Die Liste der Problemthemen ist gerade im Bereich der Tierhaltung lang: Küken schreddern, Ferkelkastration, Qualzucht, Besatzdichten, Schwänze kupieren, Kälber enthornen, Kurzlebigkeit, Antibiotika, Futtermittelsicherheit und vieles mehr. Bei Eiern ist die Haltungsform inzwischen das einzige Verkaufsargument. Weder Geschmack noch Lebensmittelsicherheit spielen dagegen eine Rolle. Die ethische Haltung zu den Erzeugungsbedingungen wird auch in anderen Produktbereichen wichtiger. Bio wird Gewinner dieser Entwicklung sein, weil es klarer definiert ist als „Regional“ oder „Tierwohl“ oder „Fair“. 

Wie kann der Handel darauf reagieren oder tut er das bereits?
Der Handel greift Verbraucherwünsche auf und orientiert sich um. Bei Pestizidrückständen war es ein großer Discounter, der als erstes Grenzwerte weit unterhalb gesetzlicher Anforderungen definierte. Auch das Thema „Gentechnikfreiheit“ wird vor allem vom Lebensmittelhandel vorangetrieben. Bei der Tierwohlinitiative ist der Handel die treibende Kraft. Im Bereich der Eigenmarken des Handels gelten zumeist die weitestgehenden Anforderungen an die Rohstoffe in Bezug auf Nachhaltigkeit. Damit setzt der Lebensmittelhandel die Standards für die Lebensmittelindustrie und deren Lieferanten. Das wird zunehmen und zum Differenzierungskriterium der Händler werden. Es bilden sich also vertikale Produktionsverbünde, die nach den Vorgaben einzelner Händler funktionieren und die sich untereinander differenzieren.

Welche Rolle oder Herausforderung haben in diesem Zusammenhang die Erzeuger?
Die Erzeuger müssen das Heft des Handelns vor allem selber in die Hand nehmen und raus aus der Schmollecke. Dass die Gesellschaft einiges kritisch sieht, sollte man nicht als Angriff auf die Berufsehre missverstehen sondern als Ansporn, sich auf die veränderten Kundenerwartungen vielleicht schneller als bisher einzustellen.

 

In: DLG-Mitteilungen, Ausgabe 5 / 2017, Seite 17

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