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AFC in der Fleischwirtschaft: TTIP und CETA - Fluch oder Segen

Dr. Otto A. Strecker, Vorstand der AFC Consulting Group AG, zu aktuellen Freihandelsabkommen

FleischwirtschaftDer Schwarzwälder Schinken gilt als Delikatesse und als Markenzeichen einer Region. Die Hersteller haben gerade erneut einen Verkaufsrekord vermeldet. Doch TTIP („Transatlantic Trade and Investment Partnership“) beunruhigt die Hersteller. Können Sie die Ängste in Sachen Freihandelsabkommen nachvollziehen?

Ja, der Schwarzwälder Schinken. Er muss immer herhalten, weil er die Thematik so anschaulich macht.... Geschützt ist die Bezeichnung für ein Herstellungsverfahren, das in einer bestimmten Region stattfinden muss. Dabei hat der Ort, an dem die Verarbeitung des Schwarzwälder Schinkens stattfindet, so gut wie keinen Einfluss auf Qualität oder Geschmack. .... Warum soll dieser Schinken also ein staatliches Privileg gegenüber einem andernorts gleichartig hergestellten Schinken genießen? Die Hersteller fürchten zurecht um dieses Privileg, das für sie im Übrigen eher Fluch als Segen gewesen ist. Denn die Unternehmen haben es nie vermocht, Schwarzwälder Schinken als ein wirkliches Premiumprodukt zu vermarkten. ...

Bundesagrarminister Christian Schmidt stand zum Jahresanfang in der Kritik, als er verlautbarte, dass europäische Hersteller von regionalen Spezialitäten ihre Privilegien durch das deutsch-amerikanische Handelsabkommen TTIP verlieren könnten. Nicht mehr jede Wurst und jeder Käse könne als Spezialität geschützt werden. Sehen Sie das auch so?

..... Man kann eben keine nicht-tarifären Handelshemmnisse abbauen, ohne Regelungen zurückzunehmen. Richtig ist, dass eine Privilegierung, wie die für den Schwarzwälder Schinken, sicher nicht den Kern des europäischen Verständnisses von Lebensmittelsicherheit und Verbraucherschutz ausmacht. Auch wenn die Debatte immer wieder gerne um den Schwarzwälder Schinken kreist, ist er eben nicht der Nabel der Welt..Eine Vereinfachung des Systems könnte beispielsweise darin liegen, dass man sich auf die einzige Schutzstufe konzentriert, bei der auch die Produktherkunft aus der Region stammen muss, also auf die höchste und bitte nicht auf die niedrigste....

Wie bewerten Sie insgesamt im Zusammenhang mit Fleisch und Fleischwaren das Transatlantische Freihandelsabkommen?

.... Dass die Diskussion über TTIP so stark am Beispiel der Ernährungswirtschaft geführt wird, überrascht mich. Die deutsche Lebensmittelindustrie hat einen Umsatz von rund 170 Mrd. Euro. Bei einer Exportquote von fast einem Drittel des Wertes gehen Lebensmittelexporte im Wert von rund 1,5 Mrd. Euro in die USA. Diese sind damit einerseits zwar der zweitgrößte Abnehmer außerhalb der EU. Wir reden jedoch über weniger als ein Prozent der Produktion. Die wichtigsten Exportgüter sind nicht etwa Fleischwaren, sondern alkoholische Getränke, Kaffee und Süßwaren.  Das liegt nicht zuletzt an den sehr aufwändigen Zulassungsverfahren für Fleisch und Fleischerzeugnisse und an der Nicht-Anerkennung von Qualitätsstandards -, Schwierigkeiten, die über ein Freihandelsabkommen überwunden werden müssen und können. Aus den USA importieren wir verarbeitete Lebensmittel von knapp einer Milliarde Euro und landwirtschaftliche Erzeugnisse im Wert von 1,1 Mrd. Euro (Werte für 2012, BVE). Das klingt nach viel, ist es aber gemessen am Gesamtvolumen nicht. TTIP kann die deutsche Ernährungswirtschaft also weder besonders gefährden noch befördern.....

Die geplanten Freihandelsabkommen TTIP, CETA und TiSA werden laut Kritikern negative Auswirkungen für die hiesige Land- und Fleischwirtschaft mit sich bringen. Es ist sogar von für die Landwirtschaft von einem kulturellen Wandel in Deutschland die Rede. Teilen Sie diese Befürchtungen?

... Die von Ihnen genannten Abkommen sind noch nicht einmal die einzigen Abkommen, die derzeit versucht werden, auf den Weg zu bringen, immerhin sind wir als EU jeweils daran beteiligt. Mehr Sorgen macht mir das angestrebte asiatisch-amerikanische Freihandelsabkommen FTAAP. Es würde 21 Staaten und mit 2,8 Mrd. Menschen rund 40 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Diese Entwicklung, die Europa an den Rand der Welthandels-Landkarte drängen könnte, sollte uns viel eher zu denken geben, als die Freihandelsabkommen, die unsere Partner mit uns abschließen wollen und die wir auch beeinflussen können.

Die AFC hat zum Jahresanfang eine Online-Umfrage zum Freihandelsabkommen TTIP durchgeführt und drei Fragen gestellt: Wie stehen Sie dem Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) gegenüber? Welche Vorteile sehen Sie? Muss der Verbraucher besser informiert werden? Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus der Umfrage?

Ich glaube, es ist deutlich geworden, dass wir vor allem vor den Freihandelsabkommen Angst haben sollten, die ohne die EU stattfinden könnten, wie z.B. das asiatisch-amerikanische Abkommen FTAAP. In Bezug auf das Verfahren, mit dem TTIP derzeit vorbereitet wird, gibt es in der Bevölkerung insgesamt und damit bei Lebensmittelherstellern und Verbrauchern gleichermaßen eine Skepsis und Unsicherheit bezüglich des Verhandlungsprozesses und der zu erwartenden Ergebnisse.

86 Prozent der Unternehmensvertreter gaben an, keine Vorteile durch TTIP für Ihr Unternehmen zu sehen, nur 6 Prozent waren der Meinung, dass das Verfahren transparent genug sei. Hier besteht ein erhebliches Vermittlungsproblem. Die Politik ist eigentlich auf dem richtigen Weg, hat aber nicht daran gedacht, ihre Zielgruppe kommunikativ einzubinden und mitzunehmen. 

Das ist nicht schön, umgekehrt wäre es allerdings unschöner.

 

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Dr. Otto Strecker, AFC Consulting Group AG, VorstandDr. Otto A. Strecker ist Vorstand der auf die Food Value Chain spezialiserten AFC Consulting Group AG. Seit über 40 Jahren werden von dem Bonner Unternehmen Mandanten aus der Agrar- und Ernährungswirtschaft beraten. Strecker ist ehrenamtlich in einer Reihe von fachbezogenen Initiativen und Vereinigungen engagiert und unterrichtet Studenten an der Universität Bonn im Fach „Management von Kooperationen und Fusionen in der Agrar- und Ernährungswirtschaft.“

 

Das Interview erschien in der Zeitschrift Fleischwirtschaft, 7/2015, S. 8-10. Den gesamten Artikel als PDF lesen.

 

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